l
 
Zur Themenübersicht Populärkultur Gesellschaft Wirtschaft Religion Literatur Geographie

Die Entwicklung der Budo-Sportarten

Zuerst etwas über ihre Entstehung und den geistigen Ursprung. Bushido, der Weg des Kriegers, ist der Ursprung der heutigen Kampfsportarten. Das Bushido vereinigt in sich verschiedenartige Lehren und Religionen und entwickelte sich aus dem Bujutsu, das Kriegskünste, wie zum Beispiel Bogenschießen, Schwertkampf und Nahkampf, umfasste. Am Anfang steht der Buddhismus, der sich in Indien entwickelte und sich dann über den östlichen Raum verbreiterte. In Japan nahm er in Form des Zen-Buddhismus Gestalt an, der eine wichtige Grundlage für das Bushido war. Als der Buddhismus im 1. Jahrhundert in China erstmalig auftrat, stieß er zuerst auf Widerstand durch den Konfuzianismus. Im 5. Jahrhundert fasste er unter dem 28. indischen Patriarchen in China als Ch´an-na, eine Verschmelzung aus Dhyamna-Buddhismus und Taoismus, Fuß. Im Mittelpunkt dieser Schule stand das Erreichen einer absoluten Befreiung mittels meditativer Beobachtung oder Einstudierung meditativer Bewegungen. Durch diese sollte innere Ruhe und Frieden erreicht werden.

Im 12. Jahrhundert bzw. Beginn des 13. Jahrhunderts gelangte der Ch´an- Buddhismus dann nach Japan. Der Name Zen ist eine Abkürzung des Wortes Zenna, das sich aus der japanischen Aussprache des Symbols für Ch´anna ergibt. In Japan verschmolz der Buddhismus mit dem Shintoismus, der Urreligion Japans. Der Shintoismus war in der frühen Form eine Naturreligion, in der allen Naturerscheinungen ein Gott zugeordnet wurde. Im 5. /6. Jahrhundert wurde der Shintoismus stark vom chinesischen Konfuzianismus beeinflusst, von dem er zum Beispiel die Ahnenverehrung übernahm. Im 13. Jahrhundert dann nahm der Shintoismus den Buddhismus in sich auf und bildete mit ihm zusammen ein religiöses System.

Der Buddhismus konnte in Japan so gut Fuß fassen, da der Kriegsadel Japans, die Samurai, seinen Wert schnell zu schätzen lernte. Die strenge geistige und körperliche Schulung des Buddhismus wurde als Weg zur Selbstdisziplin und zur Selbstzucht beim Erlernen und Ausüben der eigenen Kampfkünste angesehen. Die Kampfkunst der Samurai war das Jujutsu, was übersetzt Wissenschaft von der Nachgiebigkeit heißt. Aus diesem entwickelten sich später die anderen, heute bekannteren Kampfsportarten. An der Endung des Namens, -jutsu, kann man erkennen, das es hierbei primär um die Entwicklung einer möglichst effektiven Technik ging. Jedoch hatte nicht nur der Buddhismus Einfluss auf das Bushido. So wurden vom Shintoismus die Verehrung und Treue zum Gott-Kaiser, der Patriotismus sowie die Ahnenverehrung übernommen. Auch die chinesischen Gelehrten Kung Fu-Dse und Meng Dse wirkten stark auf die ethischen Grundsätze des Bushido ein. Kung Fu-Dse, latinisiert Konfuzius, lehrte, dass rechtes Verhalten miteinander bzw. untereinander, rechte Erkenntnis und rechte Bildung zu vollkommener Menschlichkeit und einem harmonischen Zustand auf Erden führe. Dies gelänge jedoch nur durch Einhalten vorgegebener Pflichten und Regeln. Die Samurai genossen eine Ausbildung, die neben der militärischen auch eine Erziehung in Literatur, Philosophie, Geschichte, Religion, Ethik und Schönschrift umfasste. Für den Samurai, in seiner Ergebenheit zum Kaiser und der aristokratischen und herrschenden Stellung in Japan bildeten die Normen von Kung Fu-Dse und Meng Dse, latinisiert Mencius, eine wichtiges ethisches und politisches Gerüst im Umgang mit den Mitmenschen. ´ Welche Werte nun genau aus welcher Religion stammen, diese Suche bleibt bei dem über viele Jahrhunderte altem Bushido ohne großen Erfolg. Dass aber diese Werte - wie Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Mitleid, Treue, Ehre, Besonnenheit, Höflichkeit, Wagemut, Standhaftigkeit und viele andere - auch heute noch in den japanischen Künsten fortleben, ´1 steht außer Frage.

Im folgenden möchte ich nun noch einmal genauer den Unterschied zwischen -do und -jutsu erläutern. Die beiden Silben sind Bestandteile der japanischen Namen für die Kampfkünste. Jutsu bzw. jitsu deuten an, dass man bei diesen Kampfsportarten nur eine wirksame Technik erarbeiten möchte, die darauf aus ist den Gegner so schnell wie möglich zu besiegen. Beispiele hierfür sind Jujutsu, auch Jiu-Jitsu, und Ninjutsu.

Beim Do, chinesisch Tao, geht es jedoch auch darum den Geist zu schulen. Do heisst übersetzt Weg oder Straße. ´ Im japanischen Buddhismus bedeutet Do allgemein die Nachfolge des Buddha auf dem Weg zur Erleuchtung [...] In dieser Bedeutung wird Do auch im Zen verwendet. In Ableitung davon bezeichnet man in Japan die dort entwickelten und vom Geist des Zen durchdrungenen geistig-praktischen Schulungswege als Do.´ 2 Do bringt zum Ausdruck, dass diese Sportarten ein Weg zur Schulung des Bewusstseins, zur Selbsterfahrung und ein Schule für das Leben im Ganzen sind. Sie sollen dem Übenden bestimmte Erfahrungen ermöglichen.

Zwar beruhen alle Formen des Budo auf der alten Kriegskunst, aber durch die Beeinflussung durch das Zen rückte das Streben nach Siegen und Besiegen, Wettkampf und Leistungskonkurrenz in den Hintergrund. Die Begründer heute bekannter Kampfkünste , wie zum Beispiel Jigaro Kano, der das Judo entwickelte, adaptierten Formen des Bujutsu für das Do. Infolge dessen, dass es nun nicht mehr um die Nützlichkeit im Kampf ging, konnte man die Zielsetzung des Do integrieren und zeremonielle, soziale und ästhetische Gesichtspunkte gewannen an Bedeutung. Der sportliche Aspekt wird keineswegs geleugnet oder ausgeschlossen. Durch zum Beispiel das Werfen im Judo, das Heben und Spannen des Bogens im Kyudo oder auch die vielen Sprünge und Tritte im Karatedo wird neben Ausdauer, Reaktion auch die Kraft trainiert. Darüber hinaus haben die genannten Budoarten sowie die übrigen und auch andere Do wie zum Beispiel Chado, die Teekunst, gemeinsam, dass ihre Ausführung jeweils immer wieder die gleiche ist. So läuft die Teezeremonie immer nach dem selben Muster bzw. Bewegungen ab. Hier spiegelt sich das Ziel des Zen, durch meditativer Bewegungen eine vollkommene Befreiung zu erreichen, wider. Auch die Techniken im Judo oder Kyudo sind genau festgelegt und lassen kaum Interpretationen zu. So ist ein Treffer im Kyudo oder ein Wurf im Judo wertlos, wenn die Technik falsch war, also nicht der vorgegebenen Form entsprach. Von dem Übenden wird äußerste Aufmerksamkeit, vor allem aber höchste Konzentration gefordert. Man soll sich nur auf das Jetzt und die gegenwärtige Handlung konzentrieren. Hier gilt der Ausspruch eines Meisters des Kyudo: ´ Ein Schuß - ein Leben ` 4 . Damit ist gemeint, dass man die gesamte Konzentration darauf richten soll, den gegenwärtigen Schuss richtig auszuführen, sich nicht ablenken zulassen und nicht darüber nachzudenken, ob man das Ziel trifft, denn das Treffen ist eine Folge richtig ausgeführter Technik. Gefordert wird intensive Anspannung, Konzentration und Augenmerk, als ginge es bei dem Schuss um Leben und Tod.

Neben dem Zen fließen außerdem noch das taoistische Tao und das Tao des Konfuzius ein in das Do ein. Im Taoismus kommt eine tiefe Naturverbundenheit zum Ausdruck und das Bemühen in Einklang mit den kosmischen Gesetzen zu gelangen. Das Idealbild des Taoismus besteht im Entsagen der sozialen Karriere und dem Rückzug in die Natur um mit ihr im Einklang zu leben. Im Konfuzianismus legt man großen Wert auf eine gemeinschaftsbezogene Sozialethik 3 sowie Sitte und Anstandsregeln. Obwohl beide Tao sehr unterschiedlich sind, sogar gegensätzlich erscheinen, hatten beide einen großen Einfluss auf die japanische Kultur und den japanischen Do.

Den Do möchte ich nun am Beispiel der Teezeremonie, die zwar keine Kampfsportart darstellt, jedoch das Prinzip des Do am einfachsten erkennen lässt, erläuternd zusammenfassen. In Japan nennt man sie Cha-no-Yu. Dies heißt übersetzt heißes Teewasser oder kurz Tee. Der Name lässt schon erkennen, dass es hier nicht darum geht, dass jemand etwas mit dem Tee macht, sondern dass da nur Tee ist, es geht nicht um die Zurschaustellung meisterlichen Könnens. Man soll sich mit dem ganzen Geist auf die nötigen Handlungen konzentrieren und ohne Präsentation schlicht und einfach Tee für seine Gäste zubereiten. In dem Teehaus an sich spiegeln sich die Einflüsse des Taoismus wider. Seine Schlichtheit und Einfachheit sowie der Bau aus Naturmaterialien, wie Holz, vermitteln die Atmosphäre einer einsamen Berghütte. Dies bildet den Rahmen für das gemeinschaftliche Zusammentreffen und das gemeinsame Teetrinken. Die Elemente des Konfuzianismus und Taoismus finden sich in ähnlicher Form auch in den Do des Budo wieder.

Zum Schluss werde ich die Auswirkungen dieser Grundlagen für den Kampfsportler im heutigen Japan erläutern. Wie schon gesagt, werden in Europa diese Kampfkünste als purer Sport, wie zum Beispiel Ringen angesehen. In Japan jedoch bestimmen vor allem der geistige Hintergrund das Erscheinungsbild des Sports. Dies beginnt schon beim Bau des Trainingsgebäudes, des Dojo. Im allgemeinen wird dies meist mit Übungshalle übersetzt. Die wörtliche Übersetzung lautet jedoch Weg-Halle. Dies deutet einen religiösen Hintergrund an, doch ist der Dojo kein religiöser Ort im westlichen Sinne, wie zum Beispiel eine Kirche. Vielmehr ist ein Ort des konzentrierten Übens, das zu Selbsterkenntnis und Erfahrung führen soll. Um dies zu gewährleisten, ist der Dojo ein Raum oder Haus natürlicher Ruhe und Würde. Entsprechend des Sabi und Wabi, übersetzt mit Ländlichkeit und Einfachheit, die aus dem Taoismus stammen, besteht ein traditioneller Dojo in Japan aus natürlichen Baumaterialien wie Holz. Da Holz teuer geworden ist, bestehen neuere Dojos auch aus Beton, aber im Inneren ist Holz trotzdem noch das bestimmende Element. Das Ganze soll so natürlich und einfach wie möglich sein. Der Übungsraum ist im wesentlichen eine große Halle, die mit Matten ausgelegt ist und der jeweiligen Kampfkunst entspricht. So kann man den Kyudo-Dojo zum Ziel hin öffnen. In jedem Dojo findet man eine Ehrennische für die Götter, die Kamiza. Dies kann einfach nur ein shintoistisches Symbol oder eine erhöhte Nische mit einer Schriftrolle oder einem Blumenarrangement sein. Die Kamiza repräsentiert das symbolische Zentrum des Dojo und die Gegenwart des Göttlichen, das allen Übenden respektieren. Außerdem findet man im Übungsraum einen Platz, der meist erhöht und ebenfalls mit Matten ausgelegt ist, für den Meister, damit dieser alle Übenden überblicken kann. Oft ist auch ein Spiegel vorhanden, mit dem die Kampfsportler ihre Form und Technik selber überprüfen können.

Auch das Verhalten im Dojo wird vom geistigen Hintergrund geprägt. Das gesamte Verhalten ist strengstens geregelt. Von jedem Übendem erwartet man die Einhaltung dieser Etikette. Das Prinzip besteht darin, das keiner der Anwesenden gestört wird und dass eine Atmosphäre entsteht, die die Konzentration fördert. Dazu gehört, dass jeder Rücksicht auf den anderen nimmt, versucht nicht störend oder im Weg zu sein, niemandem den Rücken zuwendet oder die Sicht behindert. Das Tragen einer Übungskleidung ist dabei Pflicht. Diese Übungskleidung besteht aus reißfestem Stoff und ist meist weiß. Zum einen ist diese am zweckmäßigsten für den Sport, zum anderen symbolisiert sie auch den Übergang in die Ruhe des Dojos. Eine saubere ordentliche Kleidung drückt den Respekt zu den Mitübenden und dem Sport aus. Weiterhin ist es nicht erlaubt den Dojo mit Schuhen zu betreten. Man erscheint rechtzeitig, um zum Übungsbeginn fertig umgezogen zu sein. Im Dojo bewegt man sich mit Ruhe und Würde und vermeidet hektische Bewegungen. Auch soll die Fassung immer gewahrt werden, man trödelt nicht herum, bewegt sich aber auch nicht mit Hast. Laute Unterhaltungen werden vermieden, jedoch darf man es sich nicht so vorstellen, dass es dort starr vor sich geht. Im Dojo herrscht eine gelassen- heitere Atmosphäre, die jedoch sehr konzentriert ist. Am Ende des Trainings oder wenn man es vorzeitig verlässt, verabschiedet man sich vom Meister und von den anderen.

Wenn man als Anfänger die Budosportarten trainiert, wird man gezwungen sich nach der vorgeschrieben Weise zu bewegen. Man muss Bewegungen ausführen, die man zuerst nicht versteht und deshalb damit beginnt, dass man die älteren Schüler und den Meister in Bewegungen nachahmt. Meist erst nach jahrelangem Training stellt man fest, dass diese Bewegungen für den Budo geeignet und nützlich sind und versteht auch ihren Sinn. Auf diese Weise wird man auch mit seinem Körper vertrauter und kann sich selber besser einschätzen, d.h. welche Bewegungen einem weh tun und welche nicht.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Budosportarten den Sportler im heutigen Japan mehr als bei uns dazu zwingen, sich mit seinem Geist zu beschäftigen. Er trainiert nicht einfach nur diese Kampfkünste, um andere besiegen zu können, sondern um sich selbst und die Welt zu erfahren. außerdem lernt er sich in eine Gemeinschaft einzuordnen. Da im Westen die Individualität sehr geschätzt wird, können zum Beispiel Europäer dies nur schwer verstehen. In Japan jedoch hat die Gemeinschaft einen wichtigeren Stellenwert und dadurch ist es dort wichtiger, dass etwas zusammen in der Gruppe tut und sich in eine solche auch einordnen kann.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass man Budo nun nicht mit Zen gleichsetzen sollte. Das Budo hat zwar geistige Grundlagen des Zen in sich aufgenommen, jedoch ist es nicht eine Form der Glaubensausübung, wie zum Beispiel das Beten. Auch Nicht-Buddhisten können diese erlernen und Erfahrungen sammeln, niemand wird aus dem Dojo ausgeschlossen, nur weil er sich nicht zum Buddhismus bekennt.

Quellen:

  • A. Kraus; A. Wagner: Aikido für Einsteiger. Berlin: Sportverlag, 1992
  • I. Fischer Schreiber; F. Ehrhard; K. Friedrichs; M. S. Diener: Lexikon der östlichen Weisheitslehren: Buddhismus - Hinduismus - Taoismus - Zen. Bern: Scherzverlag, 1994
  • M. Obereisenbucher: Kyudo - Der Weg des Bogens. Düsseldorf: Econ Taschenbuchverlag, 1987

© J. Bergmann/ Bildung und Begabung e.V.

Für Fragen, Anregungen, Einwände oder auch Kritik, mailt mir!

160915